Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
Der Gottesdienst
das unbekannte Wesen. Was Menschen über viele Jahrhunderte übernommen und oft recht unreflektiert an die nächsten Generationen weitergegeben haben, ist heute für viele Menschen, auch für viele Gemeindeglieder, fragwürdig geworden. In unserer Darstellung: "Was geschieht eigentlich im Gottesdienst?" wollen wir versuchen, Schneisen des (Wieder-)Erkennens in den Ablauf dieser regelmäßigen christlichen Versammlung zu schlagen.
Dass die Glocken etwas damit zutun haben, dass die Menschen in die Gottesdienste gerufen werden - wie ein überlauter Wecker -, dürfte vielen noch einleuchten (besonders wenn sie von den Glocken tatsächlich geweckt werden). Dass die Orgelmusik zu Beginn - wie der Gong im Theater - zur Ruhe bringen will, weil das Programm in Kürze beginnt, werden viele Menschen auch noch begreifen. Und dass der Pfarrer die Leute erst einmal begrüßt und ihnen erzählt, was es so Neues gibt in der Gemeinde, ist ja einanerkannt netter Zug von ihm.

Das erste Lied, das alle singen sollen, die sich zu dieser frühen Stunde in der Kirche versammelt haben, wirklich ein Lob Gottes ist, darüber gehen die Meinungen vielleicht schon auseinander.
Was aber dann passiert, bedarf der Erläuterung. Aus irgendeinem Grunde nämlich sagt der Pfarrer: "(Wir feiern diesen Gottesdienst)Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." - Und was denkt er sich dabei? Nun, zum einen ist das natürlich eine sehr alte Tradition, mit diesen Worten "ins Geschehen einzusteigen". Zum anderen aber nimmt der Pfarrer seine Person mit diesen Worten aus dem Mittelpunkt (in dem er körperlich allerdings stehen bleibt: am Altartisch nämlich) und erinnert daran, wer zum Gottesdienst einlädt: Die Leute sollen nicht in die Kirche gehen, weil der Pfarrer so nett aussieht oder er sie am Samstag auf dem Markt so vorwurfsvoll angesehen hat, sondern weil Gott selbst sie in den Gottesdienst einlädt, und zwar der christliche Gott in den drei Erscheinungsformen, die die Bibel kennt: Vater (=Schöpfer der Welt), Sohn (=Jesus) und Heiliger Geist. Über die muss man allerdings noch mal gesondert nachdenken.
Übrigens:
Dass sie den Gottesdienst tatsächlich um Gottes und nicht um des Pfarrers willen besuchen, bestätigen die Teilnehmer jedesmal prompt mit einem "So isses", - Weil das allerdings doch reichlich westfälischer Slang ist und in der großen weiten Welt wohl nicht so ohne weiteres verstanden würde, hat man sich kirchlicherseits international auf einen sogar noch kürzeren Begriff verständigt: "Amen". Das ist ein Wort aus dem Hebräischen, also der Sprache, in der das Alte Testament ursprünglich geschrieben worden ist, und heißt eigentlich nichts Anderes als - "so isses". (Damit bestätigen die Versammelten im Folgenden übrigens auch bei jedem Gebet, dass der Pfarrer Gott etwas vorgetragen hat, was sie mittragen, eben - "Amen".)
Wenn man mit Gott spricht, sollte das Versagen der vergangenen Woche keine Rolle mehr spielen. Falls noch nicht bei der Begrüßung geschehen, spricht der Pfarrer jetzt - stellvertretend für die Gemeinde - ein Sündenbekenntnis, das jeder Gottesdienstteilnehmer bitte mit seinen persönlichen Belastungen füllen möge.
Nun ist es ja nicht so, als sei Gott nicht bereit, uns immer wieder einen Neuanfang zu gönnen. Deshalb ist der folgende Wechselgesang bitte auch nicht als ungewisses Flehen zu verstehen, sondern als zuversichtliche Anrufung.
Kirchgänger sind übrigens sehr gebildet: Wenn der Pfarrer etwas auf Griechisch sagt, können sie spontan - und richtig! - übersetzen. Beispiel gefällig? Kommt sofort: Nun singt der Pfarrer nämlich "Kyrie eleison", und die Gemeinde das gleiche auf deutsch: "Herr, erbarme dich". Mit geringen Abweichungen wiederholt sich das noch zweimal: Pfarrer: "Christe eleison" - Gemeinde: "Christe, erbarme dich" (seltsames "e" am Ende von Christus: alte lateinische Form der Anrede), Pfarrer: "Kyrie eleison" - Gemeinde: "Herr, erbarm dich über uns".

Und weil Gott das Sich-Erbarmen als seinen Job versteht, können wir fröhlich wie die Kinder zur Weihnachtszeit (und mit dem Chor der Engel aus der Weihnachtsgeschichte) fortfahren: Pfarrer: "Ehre sei Gott in der Höhe" - Gemeinde: "und auf Erden Fried\', den Menschen ein Wohlgefallen!" (Na, hätten Sie es wieder erkannt?)
Nun ist der stete Wechsel zwischen Pfarrer und Gemeinde an sein Ende gekommen. Es folgt nämlich ein Gebet, das der Pfarrer spricht. Dieses Gebet hat eine bestimmte Bezeichnung, die im Gottesdienst selbst nicht genannt wird, um die Leute nicht zu verwirren. Es heißt nämlich "Kollektengebet", obwohl noch gar kein Kollektengeld gesammelt wird. "Kollekte" übersetzt man auf deutsch zwar als "Sammlung", meint hier aber die innere, geistige Sammlung auf das, was als nächstes kommt: die Lesungen aus der Bibel.
Nach dem "Kollektengebet" darf die Gemeinde sich setzen. Nun wird vom Pult (der "Ambo" aus) der erste Abschnitt aus der Bibel verlesen, und zwar aus dem Alten Testament. (Ganz findige Zuhörer nutzen übrigens die Lesungen, um das Thema des Gottesdienstes herauszufinden.
Die Zusammenstellung der Lesungen, die der Pfarrer sich nicht selbst ausdenkt, sondern die für den jeweiligen Sonntag vorgeschlagen sind, erfolgt nämlich nicht willkürlich, sondern nach dem Grundthema des Gottesdienstes. Manchmal muss man allerdings schon sehr gut mitdenken, um das gemeinsame Thema zu finden.
Nach dieser Lesung folgt ein Lied, das meist recht kurz ist, um die Gedanken nicht allzu weit vom Gehörten zu entfernen.
Paulus ist an den meisten Sonntagen der Verfasser der Briefe (lateinisch: "Epistel"), aus denen nun ein - meist sehr abstrakter - Abschnitt verlesen wird.
Zum Dank, dass dieser schwierige Teil vorüber ist, stimmt die Gemeinde (durch einen Psalmvers des Pfarrer dazu aufgefordert) das dreimalige "Halleluja" (zu deutsch: "Lobet den HERRN!") an.
Zur dritten Lesung, die als einzige vom Altar aus erfolgt, erhebt sich die Gemeinde - ein Zeichen dafür, dass diese Lesung eine besondere Qualität hat: Nun geht es im Evangelium (zu deutsch: "Gute Nachricht") um Worte oder Taten Jesu Christi. Auf die Ankündigung des Evangeliums hin singt die Gemein-de: "E-e-ehr sei di-i-ir, o Herre!" Ist die Evangeliumslesung beendet, stimmt die Gemeinde auf die gleichen Noten das "Lo-o-ob sei di-i-ir, o Christe" an und bekennt anschließend den Glauben an Gott. (Wer sich über den Wortlaut des Glaubensbekenntnisses unsicher ist, findet übrigens den Text auf den letzten Seiten des Gesangbuches.)
Nach dem Glaubensbekenntnis setzt sich die Gemeinde. Tunlichst sollten die Männer vor dem Niedersetzen allerdings ihre Geldbörse aus der Gesäßtasche kramen, da bei dem folgenden Lied in aller Regel der "Klingelbeutel" gesammelt wird. Gemeint ist eine Sammlung für diakonische (=soziale) Aufgaben der Gemeinde.
(Um niemanden in Verlegenheit zu bringen, befindet sich bei uns allerdings keine Klingel mehr am Beutel. Früher konnte man auf diese Art feststellen, wer sich der Sammlung entzog.)
Nach diesem Lied kann sich die Gemeinde für eine Viertelstunde (wenn der Pfarrer gut drauf ist, auch schon mal länger) entspannt zurücklehnen und angespannt zuhören, denn jetzt kommt das Pfarrer-Solo: die Predigt.
Wenn es übrigens eine gute Predigt ist, so merkt man ihr an, dass der Pfarrer hier nicht die Gelegenheit nutzt, um all das zu sagen, was er immer schon mal loswerden wollte, sondern dass er sich bemüht, den Sinn des Bibelabschnittes, der der Predigt in der Regel zugrunde liegt, zu erhellen und auf die Gegenwart der Hörer zu beziehen.
Damit die Gemeinde über das Hören nicht das Reden verlernt, folgt der Predigt ein Lied. Erstaunlicherweise nimmt dieses Lied oft Gedanken aus der Predigt noch einmal auf - als ob der Pfarrer mit Absicht dieses Lied ausgesucht hätte (die meisten Pfarrer nicken hier übrigens eifrig).
Nach diesem Lied erhebt sich die Gemeinde, um einmal diejenigen ins Gebet zu nehmen, die es außer uns auch noch nötig haben, dass Gott ein Auge auf sie wirft: das Fürbittgebet für andere Menschen.
Wie es weitergeht, entscheidet sich daran, ob im Gottesdienst das Abendmahl gefeiert wird oder nicht. Wenn kein Abendmahl, dann folgt dem Fürbittgebet das Vaterunser. Danach singt der Pfarrer: "Gehet hin im Frieden des Herrn", was die Gemeinde aber nicht zu schnell tun sollte, sonst verpasst sie das Beste. Deshalb antworten die Leute: "Gott sei ewiglich Dank" und erhalten dafür vom Pfarrer den Segen, den sie mit einem dreimaligen gesungenen "Amen" quittieren.
Die folgende Orgelmusik ist dann der "Rausschmeißer". Beim Hinausgehen macht man übrigens eine interessante Erfahrung: Fast überall muss man Eintritt bezahlen, um in eine Veranstaltung hineinzukommen; bei der Kirche wird man am Ausgang zur Kasse gebeten (allerdings in einer freiwilligen Sammlung für einen guten Zweck: die Kollekte).
Nachdem wir den "normalen" Predigtgottesdienst zum Abschluss gebracht haben, wollen wir uns nun den Verlauf der Abendmahlsfeier ansehen:
Zunächst einmal zum Namen: Eine spannende Frage, die in fast jedem Konfirmandenjahrgang gestellt wird: Warum heißt das Abendmahl eigentlich "Abend"mahl, wenn es doch (jedenfalls in der Regel) in einem Gottesdienst am Morgen gefeiert wird? - Antwort: Das Abendmahl ist eine Erinnerung an das letzte Abendmahl, das Jesus am Abend (!) vor seiner Kreuzigung mit seinen Jüngern gefeiert hat.
Und wie geht eine Abendmahlsfeier?
Der Pfarrer beginnt mit einem nochmaligen gesprochenen Gruß: "Der Friede des Herrn sei mit euch allen." (Interessanterweise gibt die Gemeinde an dieser Stelle keine Antwort, auch wenn immer wieder mal jemand ansetzt: "... und mit deinem Geist" - was eigentlich ja auch gar nicht so falsch ist, nur an dieser Stelle nicht vorgesehen ist).
Es folgt wieder mal ein Wechselgesang: Auf die Aufforderung des Pfarrers: "Erhebet eure Herzen!" erhebt sich zunächst einmal die Gemeinde (falls sie es nicht schon zum Gruß getan hat) und antwortet: "Wir erheben sie zum Herren" (wo sie zweifelsohne gut aufgehoben sind). Der Pfarrer, an dieser Stelle sehr (auf-)fordernd, fordert weiter: "Lasset uns Dank sagen dem Herren, unserm Gotte!" Und die Gemeinde antwortet: "Das ist würdig und recht."
Im folgenden Gebet führt der Pfarrer aus, warum es denn würdig und recht sei, Gott zu loben. Und weil die Gemeinde das einsieht, stimmt sie den englischen (d.h. der Engel) Gesang aus dem Jesajabuch an: "Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna, Hosianna in der Höh\'! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna, Hosianna, Hosianna in der Höh\'!" (Gut, ein bisschen was war auch von Jesu Einzug in Jerusalem dabei, ich gebe es ja zu.)
Dann kommt ein Gebet, das an Gottes Heilstaten für uns Menschen erinnert. Es mündet in die (etwas gestelzten) Worte von der Einsetzung des Abendmahls: "Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward..."
Nach einem weiteren Gebet, in dem Gott für den in Brot und Wein gegenwärtigen Christus gedankt wird, folgt das Vaterunser. Das Vaterunser ist übrigens das Tischgebet zum Abendmahl. (Nicht, dass Sie denken, nun müsse man sprechen: "Komm, Herr Jesus, sei unser Gast...")
Nun singt die Gemeinde: "Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser", wiederholt diesen Text noch einmal und schließt: "Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, gib uns deinen Frieden." Und nun schnell noch einmal tief Luft geholt, denn es folgt ein "Amen" mit einem ganz langgezogenen "A". (Nicht dass Sie denken, ich hätte mich bei "Christe" vertippt: Deutscher wäre natürlich "Christus"; aber Christus ist ein lateinisches Wort, und da gibt es eine spezielle Form für die Anrede, eben "-e" statt "-us". Und "Lamm Gottes" spielt auf eine theologische Erkenntnis an: dass nämlich Christus als Unschuldslamm für die Sünden der Menschheit geopfert wurde.)
Jetzt fehlt nur noch die Aufforderung des Pfarrers: "Kommt, denn es ist alles bereit" (gefolgt vielleicht von technischen Angaben, in welcher Reihenfolge die Gemeinde an den Altar treten soll), und die Austeilung des Abendmahls kann beginnen.
In Warstein feiern wir das Abendmahl in Form der "Intinktio", d.h. die Abendmahlsgäste erhalten die in den Wein getauchte Hostie. Und dann stehen viele Leute da, haben das Gefühl, etwas sagen zu müssen, und wissen nicht, was. Da gibt es eine einfache und passende Lösung: Ein "Amen" bestätigt, dass dieses Mahl etwas ganz Besonderes ist. Nach dem Friedengruß des Pfarrers gehen die Teilnehmer an den Platz zurück.
Danklied oder Dankgebet beschließen die Abendmahlsfeier.
So, jetzt wissen Sie also ganz genau, wie ein Gottesdienst in Warstein geht. - Das ist doch eine gute Gelegenheit, Ihr neu erworbenes Wissen gleich einmal auszuprobieren, oder?
Und falls Ihnen die Anfangszeit nicht mehr ganz geläufig sein sollten:
Sonntags um 11.00 Uhr bekommen Sie das ganze Programm geboten, das wir Ihnen hier vorgestellt haben.